
"Vocalise" — Wenn wir ohne Worte sprechen. Eda Zari
Mit der Vocalise op. 34 Nr. 14 schrieb Sergei Rachmaninow ein „Lied“ ohne Text, ganz auf das Ausdruckspotential der singenden Stimme gebaut. Das Werk bewegt sich in einem Register, das — wie ich finde — auch vielen Instrumenten wunderbar liegt, besonders dem V
Mit der Vocalise op. 34 Nr. 14 schrieb Sergei Rachmaninow ein „Lied“ ohne Text, ganz auf das Ausdruckspotential der singenden Stimme gebaut. Das Werk bewegt sich in einem Register, das — wie ich finde — auch vielen Instrumenten wunderbar liegt, besonders dem Violoncello.
Wann immer ich die von Anna Moffo gesungene Fassung höre, muss ich die Schallplatte umdrehen und mir immer wieder ein Encore schenken.
„Warum braucht man Worte, wenn die singende Stimme alles besser und weit mehr ausdrücken kann, als jemand es durch Worte vermöchte?“, schrieb Rachmaninow.
Anders gesagt: Es geht nicht um das Wort. Es geht um die klarste, durchsichtigste Form, in der die Seele sich den Stimmbändern mitteilt — dem ersten klingenden Organ vollendeten menschlichen Ausdrucks.
Eine Vokalise braucht nur zwei oder drei Vokale, um Sehnsucht, Fieber, Erschütterung, Zärtlichkeit oder das Größte überhaupt zu tragen: Liebe.
Bei der Vocalise konzentriere ich mich ganz auf den Strom dieses vokalen Wunders: kantabel, melodisch, schwebend. Dort beginnt mich die Bedeutung der harmonischen Obertöne zu beglücken. Annas Pianissimi, mit einem Vibrato, einmal dunkel, einmal gläsern, scheinen fast aus jenem vorgestellten Augenblick zu kommen, in dem der Ton noch nicht verklungen ist.
Die Linien wirken wie für die Natur einer Sängerinnenstimme gestickt — für Kantilene, Atemführung und vollkommene Zwerchfelltechnik. Vielleicht ist der eigentliche „Schuldige“ einfach der unendliche Zauber der Melodie.
Die Coda löst sich nicht sofort in die Tonika auf. Sie hebt einen emotional empor und lässt einen auf schöne Weise in der Luft — wartend. Das Hinauszögern des Grundtons wird zu einem beinahe teuflischen künstlerischen Spiel: eine notierte Schwebe innerhalb einer verlängerten Melodielinie, ob der Ton von unten oder von oben her angesteuert wird.
Rachmaninow selbst war ein nüchterner, disziplinierter Interpret, einer jener seltenen Komponisten, die eine unverwechselbare persönliche musikalische Identität gehärtet haben. Seine Werke werden heute oft stark romantisiert und mit schwerer Empathie aufgeladen — besonders in einer gewissen statischen Sentimentalität westeuropäischer Interpretation —, während sein eigenes Spiel überraschend direkt und modern sein konnte.
Anders als viele Zeitgenossen, die sich dem romantischen Idiom des Interpretierens anschlossen, spielte Rachmaninow eigene und fremde Werke mit großer Klarheit.
Fünfundzwanzig Jahre verbrachte er im Exil. Man schrieb über ihn, fern der Heimat habe er beinahe aufgehört zu komponieren. Häufig wird sein Gedanke zitiert, dass mit dem Verlassen Russlands auch der Wunsch zu komponieren erloschen sei; mit dem Verlust der Heimat habe er sich selbst verloren. Ein entwurzelter Mensch, der Wurzeln, Traditionen und Heimatboden verloren hat, finde kaum ein Gegenmittel außer der unzerstörbaren Sprache der in Nebel gekleideten Erinnerungen.
Dieser Gedanke weckt in mir einen inneren Schmerz. Deshalb stelle ich mir die Vocalise gern als Sergejs wortlose Sprache der Sehnsucht und der Erinnerung vor.
© 2020 Eda Zari. Alle Rechte vorbehalten.
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