
„Orgie“ — Else Lasker-Schüler
Eda Zaris albanische Übertragung von Else Lasker-Schülers expressionistischem Gedicht „Orgie“ aus dem Jahr 1910, ergänzt durch Notizen zur Dichterin, zu Franz Marc und ihrer außergewöhnlichen künstlerischen Korrespondenz.
Orgie von Else Lasker-Schüler / Deutsche Lyrik (1910)
Albanische Übersetzung: Eda Zari
Original
Orgie
Der Abend küsste geheimnisvoll Die knospenden Oleander. Wir spielten und bauten Tempel Apoll Und taumelten sehnsuchtsübervoll Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft In die schwellenden Wellen der brütenden Luft, Und Jahrhunderte sanken Und reckten sich Und reihten sich wieder golden empor Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück, Mit den Früchten des Paradiesmai, Und im wilden Gold Deines wirren Haars Sang meine tiefe Sehnsucht Geschrei, Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab, Unersehnbare, wildsüße Düfte; Wir rissen uns die Hüllen ab Und schrieen! Berauscht vom Most der Lüfte.
Ich knüpfte mich an Dein Leben an, Bis dass es ganz in ihm zerrann, Und immer wieder Gestalt nahm Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang, Zwei wilde Symphonieen!
Albanische Übertragung: Eda Zari, 10.05.2020, Düsseldorf
Illustrationen: 1 — Grafik mit dem Titel „Versöhnung“ von Franz Marc. 2 — Postkarte von Franz Marc an Else Lasker-Schüler.
Anmerkungen
Else Lasker-Schüler wurde 1869 in eine deutsch-jüdische Familie in Wuppertal geboren. Neben Gedichten und Dichtungen von tiefer religiöser Innerlichkeit nimmt die Liebeslyrik einen großen Raum in ihrem Werk ein. Dennoch gehen diese beiden poetischen Naturen in ihrem Schreiben fließend ineinander über.
Besonders ihr späteres Werk ist reich an biblischen Motiven und Bezügen zur orientalischen Kultur. Lasker-Schülers Sprache ist offen und bemerkenswert frei von den formalen Regeln der Lyrik ihrer Zeit. Sie ist unbekümmert, furchtlos und scheut sich nicht, für ihre Gedichte eine Art „Neusprache“ zu schaffen.
Persönlich begegnete ich Else Lasker-Schüler — oft einfach Else Lasker genannt und als „Wunderkind“ beschrieben, weil sie bereits mit vier Jahren lesen und schreiben konnte — beim Lesen einer Biografie des Malers Franz Marc.
Zwischen Prinz Jussuf von Theben, dem Pseudonym und Alter Ego Else Lasker-Schülers, und dem „Blauen Reiter“ Franz Marc bestand bis zum Sommer 1914 eine lebhafte Korrespondenz. Von den privaten Grußkarten und handbemalten Briefen sind 66 von Else Lasker-Schüler und 28 von Franz Marc erhalten.
Das Besondere an dieser Freundschaft liegt im „Doppeltalent“ beider Künstler. So wie Franz Marc uns in seinen Postkarten und Briefen neben dem Maler auch den poetischen Künstler zeigt, antwortet Lasker-Schüler nicht nur in einer hochentwickelten poetischen Sprache, sondern ebenso als erstaunlich begabte Zeichnerin und Illustratorin.
Mit dem Gedichtband Meine Wunder (1911) etablierte sich Lasker-Schüler als eine der führenden Stimmen der deutschen expressionistischen Lyrik.
© 2020 Eda Zari. Alle Rechte vorbehalten.
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