Künstler oder Roboter? Die Debatte über Authentizität beim 68. Eurovision Song Contest.
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Musik & AlbenEDA ZARI · JOURNAL

Künstler oder Roboter? Die Debatte über Authentizität beim 68. Eurovision Song Contest.

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Eine Reflexion aus Sicht einer Sängerin und Produzentin über Eurovision 2024: spektakuläre Bühnentechnik, Next Generation Audio, vokale Perfektion, die Versuchung technischer Bearbeitung und der künstlerische Wert menschlicher Unvollkommenheit.

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Zunächst eine Botschaft an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Eurovision Song Contest:

Bitte denkt daran, dass manchmal „simplicity is more“ gilt — mit anderen Worten: Einfachheit ist Kunst.

Besonders wenn es um Feuerwerk, LED-Flächen, technologisches Funkeln und vor allem um den allzu schnellen Griff zum Auto-Tune-Menü für die Stimmen geht.

Trotz der tiefen Risse in der Fassade internationaler musikalischer Einheit des europäischen Festivals unter dem inzwischen beinahe ironischen Motto „United by Music“ wird sich mein Text hier nicht auf die geopolitischen Konflikte und Debatten konzentrieren, die diese Veranstaltung so häufig begleiten.

Viele Interpretinnen und Interpreten beendeten ihre Auftritte in diesem Jahr allerdings mit Friedensbotschaften.

Vielleicht ein kleiner Akt der Rebellion gegen das ESC-Regelwerk?

Stattdessen möchte ich den Blick auf andere Perspektiven richten — aus der Position der Komponistin, Performerin und Produzentin.

2011 war ich als Teil der Leitung der albanischen Delegation aktiv am Eurovision Song Contest beteiligt. Er fand dort statt, wo ich lebe: in Düsseldorf, in der damaligen Esprit Arena.

Während dieser Erfahrung lernte ich aus nächster Nähe zahlreiche Regeln, Kriterien und Prinzipien des ESC kennen, die schon damals wegen ihres stark kommerziellen Kerns und geopolitischer Einflüsse kritisiert wurden.

Nach der Welle an Kritik und Analysen, die in jenem Jahr aus Kreisen der Popular-Music-Forschung — darunter IASPM-Kontexte in Deutschland, Österreich und Belgien — sowie in wissenschaftlichen Zeitschriften wie Popular Music, Music & Letters und dem Journal of Popular Music Studies erschien, die immer wieder Forschung zum Eurovision Song Contest, zu seinem kulturellen Einfluss, musikalischen Tendenzen und künstlerischen Entwicklungen veröffentlichen, hegte ich die naive Hoffnung, der ESC würde seine kommerzielle Denkweise verändern und sich dem Kern annähern, den dieser Wettbewerb für sich beansprucht.

Technisch bin ich davon fasziniert, wie der diesjährige Eurovision Song Contest eine geradezu überwältigende Mischung aus Technologie und kreativem Bühnendesign präsentierte.

Die Malmö Arena bot mit ihren beweglichen LED-Würfeln und LED-Böden für jeden Auftritt eine beeindruckende visuelle Umgebung.

Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen sowie aus den veröffentlichten technischen Informationen ging hervor, dass die Malmö Arena mit modernster Technik ausgestattet war.

Unter anderem wurde eine Vielzahl von Kameras eingesetzt, um ein außergewöhnliches visuelles Live-Erlebnis und insbesondere ein minutiös inszeniertes Bildschirm-Erlebnis für das Publikum zu erzeugen.

Diese technischen Angaben kann jeder online finden.

Broadcast-Kameras: Hochwertige Digitalkameras für scharfe und extrem klare Nahaufnahmen der Künstler. Beispiele: Sony HDC-Serie, Panasonic AK-UC4000.

Roboterkameras: Ferngesteuerte Kameras auf Schienen oder dynamischen Kamerakränen für ungewöhnliche Einstellungen und Perspektiven. Beispiele: Telemetrics OmniGlide, Shotoku TR-T Touch.

Hand- und Schulterkameras: Von Kameraleuten geführte Systeme für flexible Aufnahmen und Nahbilder des Publikums. Beispiele: Sony PXW-FX9, Canon EOS C70.

Railcam-Systeme: Kameras, die sich auf Schienen entlang der Bühne bewegen und ruhige, stabilisierte Fahrten ermöglichen.

Spidercam-Systeme: An Seilen aufgehängte Kameras, die sich frei über der Bühne bewegen können und besondere Perspektiven liefern.

Weitere Technologien:

LED-Wände und -Böden: Eine große LED-Fläche von ungefähr 1.000 Quadratmetern bildete das visuelle Zentrum der Show. Sie ermöglichte spektakuläre Effekte sowie animierte Hintergründe mit interaktiven Elementen.

Bewegliche LED-Würfel: Fünf große LED-Würfel schwebten über der Bühne und ergänzten die visuellen Effekte.

Augmented Reality (AR): AR-Elemente wurden über die Festivalabende hinweg eingesetzt, um virtuelle Objekte und Effekte in die reale Umgebung zu integrieren.

Digitales Stage Mapping: Mit dieser Technik wurden komplexe Bilder und Animationen auf Bühne und Requisiten projiziert, wodurch eine immersive Umgebung entstand.

Lichttechnik: Ein ausgefeiltes Lichtsystem erzeugte dramatische Effekte und unterstützte die jeweilige Atmosphäre der einzelnen Auftritte.

Pyrotechnik: Feuerwerk und andere pyrotechnische Effekte betonten ausgewählte Momente der Show.

Denkt man bei diesem technologischen Menü schon an HD, 4K, 8K, 16K?

Es ist beinahe überflüssig hinzuzufügen, dass sich die visuellen Komponenten massenhafter Unterhaltung sich beinahe mit Lichtgeschwindigkeit entwickelt haben.

Doch wie steht es um den Ton — um die Stimme der Sängerin oder des Sängers, um den Performer?

Der ESC ist inzwischen bei „Next Generation Audio“ (NGA) angekommen.

Das Audioformat MPEG-H (1), ebenfalls als Next Generation Audio bekannt, hat die Art verändert, wie wir hochwertige Klanginhalte erleben können — sowohl unmittelbar, beispielsweise in einem Theater, einer Philharmonie oder einem Stadion, als auch mittelbar über das Fernsehen, wie während der ESC-Abende 2024.

NGA kann immersives 3D-Audio liefern und die Klangqualität für ein eindrucksvolles Hörerlebnis verbessern.

Der Begriff Next Generation Audio — eine der jüngsten Entwicklungen im Radio- und Fernsehbereich sowie im Live-Streaming — klingt verführerisch und lädt zugleich zur Skepsis ein.

Die Sängerinnen und Sänger sind mit hochwertigen Kondensatormikrofonen ausgestattet, die einen klaren und präzisen Klang liefern, verbunden mit drahtlosen Übertragungssystemen für freie Bewegung auf der Bühne.

Verstärkung und Signalbearbeitung erfolgen über professionelle Mischpulte und Audio-Interfaces.

Trotz all dieser Technik liegt meine Sorge darin, dass die Performances häufig übersteigert und zu stark auf visuelle Effekte konzentriert wirken und dabei den eigentlichen Kern dieses Wettbewerbs verlieren, der doch ein Liederwettbewerb sein soll.

Aus der Perspektive der Sängerin kenne ich die Herausforderung, live zu singen und gleichzeitig komplexe Choreografien auszuführen.

In der Welt von Recitals, Oper oder Musical weiß eine professionelle Sängerin, wie sie ihre Gesangstechnik an die jeweiligen Anforderungen der Bühne anpassen muss.

Während einer Arie, in der Emotion und stimmliche Tiefe wesentlich sind, werden Bewegungen minimiert, um Atemkontrolle und eine ökonomische Stimmführung zu bewahren.

In rezitativischen Passagen, in denen Schauspiel und Dialog im Vordergrund stehen, kann sich die Sängerin freier bewegen.

Auf der Eurovision-Bühne sieht es anders aus.

Die Performance ist auf nur drei Minuten begrenzt, und Sängerinnen und Sänger sollen sich nahezu ständig bewegen, tanzen und komplexe Choreografien ausführen, während sie zugleich eine scheinbar makellose Gesangslinie halten.

Dieses Paradox wird besonders deutlich im Vergleich mit langen Opernaufführungen, Musicals oder Konzerten, in denen Sänger Raum zum Erholen und zum erneuten Fokussieren auf ihre Technik haben.

Beim Eurovision Song Contest wirkt vokale Perfektion dagegen wie ein mühelos erreichbarer Standard, unabhängig von den körperlichen Anforderungen der Performance.

Aus dieser Überlegung entsteht für mich die Frage, ob diese Perfektion real ist oder teilweise eine Illusion, die durch Studiotechnologie geschaffen wird.

Es ist durchaus verführerisch zu glauben, Sänger erreichten ein derart hohes Maß an vokaler Kontrolle, während sie gleichzeitig komplexe Choreografien ausführen.

Doch es entsteht noch ein anderes Problem:

Wenn alle Sängerinnen und Sänger gleich klingen, wird Musik vorhersehbar — und damit langweilig.

Deshalb ist es wichtig, dass der ESC ein Gleichgewicht zwischen dem Einsatz von Technologie und der Bewahrung von Individualität und unverwechselbarem Stil der Künstler findet.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich davon selbst ein Bild zu machen. Alle drei Festivalabende sind auf YouTube zu finden: Man kann die erstaunliche stimmliche Gleichförmigkeit — und Präzision vergleichen.

Im Vergleich zu früheren Wettbewerben — bei denen gelegentliche Intonationsfehler oder kleine Live-Skandale die Konkurrenz belebt haben — hat mich erstaunt, wie die Stimmen der Künstler in diesem Jahr über alle drei Abende hinweg nahezu auf demselben vokalen Niveau lagen.

Auch die Backing Vocals waren stets intonatorisch perfekt, während die Künstler makellos performten und zugleich mit den Kameras kokettierten.

Das wirft zwangsläufig Fragen nach der Live-Authentizität der Performances auf.

Statt wirklicher Interpretation und musikalischer Spontaneität laufen Auftritte Gefahr, zu Gefangenen eines Skripts zu werden — eines ausgefeilten Plans, der im Voraus festgelegt wurde — und dadurch die echte Verbindung und den emotionalen Austausch mit dem Publikum zu verlieren.

Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet künstliche Intelligenz, mit ihrer Fähigkeit zu imitieren und zu erzeugen, uns erkennen lässt, wie kostbar und unersetzbar unsere wirklichen, unbearbeiteten, unvollkommenen Gefühle sind?

Der Eurovision Song Contest 2024 war ein Spektakel aus blendendem Licht, Choreografien und makellosen Stimmen — Stimmen, die stellenweise fast zu perfekt klangen, um wahr zu sein.

Wenn Technologie eine Illusion von Perfektion schaffen kann, wo bleibt dann die Wahrhaftigkeit der Kunst?

Am Ende spielt es für den durchschnittlichen Zuschauer vielleicht keine entscheidende Rolle, ob jede Stimme exakt so im Raum zu hören war.

Das Eurovision-Publikum besteht nicht ausschließlich aus Musikkritikern, sondern aus einem Massenpublikum, das Unterhaltung sucht.

In dieser Hinsicht hat der ESC 2024 seine Mission erfüllt.

Doch für diejenigen, die mehr als eine Explosion aus Farben und Klängen suchen, bleibt ein bitterer Nachgeschmack — ganz zu schweigen vom Motto „United by Music“.

Es ist der Geschmack von Illusion und Künstlichkeit, von einer künstlichen Realität, die zwar schön sein kann, aber niemals die unverarbeitete Schönheit einer singenden menschlichen Seele ersetzen kann.

Vielleicht ist es Zeit, dass Eurovision zu seinen Wurzeln zurückkehrt, einen Teil der Fassade technologischer Perfektion ablegt und uns wieder das anbietet, was Musik wahrhaftig macht.

Oder vielleicht ist es Zeit zu akzeptieren, dass Perfektion in der Musik ebenso wie im Leben eine unerreichbare Illusion ist.

Vielleicht sollten wir Unvollkommenheit feiern: jeden kleinen Riss in der Intonation, jede unsichere Note, jedes Zittern des Herzens, das uns menschlich fühlen lässt.

Wie Leonard Cohen schrieb:

„There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“

Vielleicht sind es genau diese Risse und Unvollkommenheiten, die Musik wahr, lebendig und fähig machen, uns tief in der Seele zu berühren.

© 2024 Eda Zari. Alle Rechte liegen bei der Autorin.

Hinweis: Die Bilder stammen von BRS Media.

(1) MPEG-H Audio kann beispielsweise bei einem im Fernsehen übertragenen Fußballspiel einen Teil des Stadionerlebnisses in die eigene Wohnung bringen. Man kann die Fans aus verschiedenen Richtungen hören, den Pfiff des Schiedsrichters räumlich korrekt wahrnehmen und den Sportkommentar so erleben, als befände sich der Kommentator in der Nähe. Darüber hinaus lassen sich die Lautstärken unterschiedlicher Klanganteile personalisieren und jene hervorheben, die einen besonders interessieren.

EDA ZARI

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