
„Oh, ihr habt mich getötet!“ Die ungeöffneten Akten.
Ein zutiefst persönlicher Essay um einen Tagebucheintrag von 1990, die Tötung von Eda Zaris Bruder Ilirjan an der albanischen Grenze, die Akten des Sigurimi und die ungelöste Frage juristischer wie gesellschaftlicher Verantwortung nach der Diktatur.
„Montag, 5.2.1990 — 8.00 Uhr
Ich stehe auf.
Kaum setze ich mich zum Essen, kommt Myfit von der Dega mit dem Auto und nimmt uns mit zur Dienststelle.
Das Haus bleibt zurück, zusammen mit dem kleinen Jungen (1), die Tür nicht einmal abgeschlossen.
Als wir dorthin fahren, ist mir, als würden wir zur Hinrichtung gebracht.
Ich, J. und D.
D. geht zuerst hinein. Nach anderthalb Stunden kommt sie sehr aufgewühlt heraus.
J. geht hinein. Auch sie kommt in demselben Zustand zurück.
Dann komme ich dran.
Im Büro befinden sich der Sektionschef, Myfit und ein weiterer Mann.
Sie beginnen mit den Fragen.
Sie fragen mich nach Liri und Gimi.
Sie schlagen mich mit Ohrfeigen, Fäusten und Gummiknüppeln.
Sie beleidigen mich mit den schmutzigsten und erniedrigendsten Worten.
Es sind skandalöse Augenblicke.
Ich ertrage es nicht, in mir selbst zu sein.
Etwa zwei Stunden halten sie mich fest und verhören mich.
Ich bin vollkommen verstört, als wäre jemand gestorben, und auf meinem Körper bleiben die Spuren des Gummiknüppels.
Als ich aus der Dienststelle komme, warten J. und Beni — Rizais Sohn — auf mich.
Ich weine den ganzen Weg nach Hause.
Viele Menschen sind im Haus.
Um 20.30 Uhr geht Papa zur Dienststelle und beschwert sich wegen mir. Er erhält eine positive Antwort.
Er ist sehr besorgt und tief traurig.
Um zehn Uhr falle ich völlig erschöpft ins Bett.“
Anmerkung: Ich schrieb dies am zweiten Tag, nachdem uns die Nachricht erreicht hatte, meine Brüder seien an der Grenze getötet worden.
Der Text stammt aus meinem roten Heft — einem unbenutzten linierten A4-Heft meines Vaters, möge er in Frieden ruhen, das ursprünglich für Aufzeichnungen aus dem Militärdienst vorgesehen war.
Mein Vater hatte es mir zum Beginn des neuen Jahres 1990 als eine Art Tagebuch geschenkt.
(1) Mit „dem kleinen Jungen“ meine ich den acht Monate alten Sohn meines Bruders Agim.
Wir durften ihn nicht mitnehmen, als man uns aus dem Haus holte, um uns in der Dega e Sigurimit zu verhören.
Das Kind schlief.
Der Frau meines Bruders sagte man, es werde nicht lange dauern.
Die Direktion der Staatssicherheit — allgemein „Dega e Sigurimit“, Sicherheitsdienststelle, genannt — befand sich an der Rruga Sami Frashëri. Heute gehört das Gebäude zur Staatspolizei in Tirana.
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Jedes Jahr am 3. Februar werden die Erinnerungen wieder lebendig — an die Hölle, an den Verlust meines Bruders und die Wochen des Entsetzens.
Anders als in der ehemaligen DDR hat sich in Albanien auch viele Jahre nach dem Ende der Diktatur keine vergleichbar breite gesellschaftliche Debatte über die totalitäre Vergangenheit des Landes entwickelt.
Wenn das Thema in den vergangenen Jahren in ernsthaft suchender Haltung behandelt wurde, dann vor allem von ehemaligen politisch Verfolgten.
Eine notwendige Voraussetzung für eine umfassende Aufarbeitung wäre die Aufarbeitung sämtlicher noch vorhandener Akten des früheren kommunistischen Geheimdienstes Sigurimi.
Der Sigurimi verstand sich als Eliteorgan des Staates und verfügte gegen Ende über mehr als zehntausend Beschäftigte. Doch wie mein Vater in den Nächten voller Trauer sagte:
„Und sie haben unzählige Spitzel.“
Der Sigurimi gehörte zu den am besten organisierten Instrumenten des kommunistischen Regimes.
Sein Zugriff auf die Gesellschaft reichte außerordentlich tief.
Im Museum „Haus der Blätter“ las ich Angaben, wonach ein erheblicher Teil der Bevölkerung in repressive Strukturen verstrickt war.
Mein Land — mit mehr als vierzig Jahren Erfahrung in der Diktatur.
Nach 1991 gab es mehrere Versuche, die Dokumente des Geheimdienstes aufzuarbeiten und zu öffnen. Doch der Prozess wurde lang und schwierig, insbesondere weil zahlreiche Akten bereits zu Beginn der 1990er Jahre vernichtet worden waren.
Experten schätzten dennoch, dass noch etwa 140.000 Geheimdienstakten aus der kommunistischen Diktatur existierten.
Erst am 30. April 2015 verabschiedete das albanische Parlament das Gesetz über „das Recht auf Information zu den Dokumenten des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der Sozialistischen Volksrepublik Albanien“.
Dieses Gesetz war nicht der erste Versuch, mehr Transparenz in die Debatte um die Öffnung der Akten zu bringen. (2)
Unter dem Vorwand, die Archive von „nutzlosen“ Akten zu befreien, wurde im Februar 1991 eine große Zahl von Dokumenten vernichtet — in jener Phase des Regimezerfalls und des Sturzes der Enver-Hoxha-Statue in Tirana.
Dieser außergewöhnliche Akt einer damnatio memoriae — einer Verdammung der Erinnerung — betraf Unterlagen von Menschen, die wegen angeblicher Handlungen gegen die kommunistische Ideologie verfolgt worden waren, von Menschen, die geflohen waren oder zu fliehen versucht hatten, wie mein Bruder Ilirjan, oder die nach offizieller Darstellung „Schäden“ am sozialistischen Eigentum verursacht hatten.
Da so viele Albaner wegen solcher „Vergehen“ verfolgt wurden, wird deutlich, welchen irreversiblen Verlust die Vernichtung dieser Dokumente darstellte.
Dieser Prozess war und ist von mangelnder Transparenz gegenüber der albanischen Gesellschaft geprägt.
Ebenso fehlten klare Regeln dazu, welche Arten von Akten geöffnet werden sollten und wie Informationen gesammelt und behandelt werden müssten.
Dann stand die monumentale Frage im Raum:
Wer soll „bestraft“ werden?
Diejenigen, die Informationen lieferten, oder diejenigen, die sie entgegennahmen?
Diejenigen, die töteten, oder diejenigen, die den Befehl gaben?
Eine schwere Last — und eine bewusst unbequeme Frage.
Der Sigurimi setzte übermäßige Gewalt ein, um Menschen zur Zusammenarbeit zu zwingen.
Folter diente dem System als Zwangsmittel und war durch schriftliche Instruktionen jener gedeckt, die für die Politik der damaligen Zeit verantwortlich waren.
Wenn ich die albanischen Geheimdienstakten neben das deutsche Modell stelle, muss ich außerdem berücksichtigen, dass viele Repressionsmaßnahmen in Albanien offenbar überhaupt nicht vom Geheimdienst dokumentiert wurden.
Wenn ganze Familien in entlegene Regionen interniert wurden, geschah dies zum Beispiel häufig über gewöhnliche Verwaltungsverfahren, ohne dass der Geheimdienst formal zwingend beteiligt war.
In solchen offiziellen Maßnahmen wurde in der Regel nur der „Familienvorstand“ erfasst, nicht jedes davon betroffene Familienmitglied.
Unsere eigene Familie ist ein Beispiel:
wochenlange Verhöre, Drohungen und Schläge, die nirgendwo protokolliert wurden.
Es geht also nicht nur um die „Sigurimi-Akte“, sondern auch um das, was außerhalb der Akten geschah — um informelle Anweisungen und Handlungen, die keine dokumentierte Spur hinterließen.
(2) Das Gesetz Nr. 8043 vom 30.11.1995 „Über die Überprüfung der Integrität von Amtsträgern und anderen Personen im Zusammenhang mit dem Schutz des demokratischen Staates“ schuf kein umfassendes verfassungsgemäßes Verfahren.
2006 verabschiedete das Parlament eine Resolution zur Verurteilung der vom kommunistischen Regime in Albanien begangenen Verbrechen.
Zwei Jahre später, am 22. Dezember 2008, wurde Gesetz Nr. 10034 „Über die Integrität hoher Amtsträger der öffentlichen Verwaltung und gewählter Personen“ verabschiedet.
Zwei Monate später hob das Verfassungsgericht dieses Gesetz auf.
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In diesem Zusammenhang füge ich auch einen Text bei, den ich am 18. Februar 2017 bei BalkanWeb veröffentlicht hatte:
„Die Vergangenheit in der Gegenwart und der heutige getarnte Totalitarismus“
Ich war gerade achtzehn geworden.
Bevor mein Bruder Ilirjan Zari — mit dreißig Jahren am 3. Februar 1990 an der Grenze erschossen — getötet wurde, hatte ich keinen Augenblick meines Lebens darüber nachgedacht, wie Menschen unter totalitären Bedingungen zu denken beginnen.
Ich hatte mich nie mit Fragen konfrontiert wie:
„Was geschieht mit dem Verhalten eines Individuums, einer Gruppe oder einer bestimmten sozialen Klasse, wenn sie bewusst unbegrenzte Macht über eine Gesellschaft ausübt?“
Diese Herrschaft bestimmte nicht nur den Wert eines Menschen.
Sie diktierte Intimität und Gedanken jedes Einzelnen in unterschiedlichen Lebensbereichen.
Schlimmer noch:
Sie konnte entscheiden, dich im Handumdrehen, über Nacht, verschwinden zu lassen.
Wie allmächtig fühlten sich jene, die ruhig auswählten — nachdem sie ihre Hände im Becken der Unschuld gewaschen und ihr Handeln mit der „Pflicht“ gerechtfertigt hatten —, wer der nächste Freund und wer der nächste Feind sein sollte, der ausgelöscht werden musste?
Konkreter:
Mit welchem moralischen Gewissen gingen Kommandanten von Grenzposten schlafen, nachdem auf Zivilisten geschossen worden war, die die „heiligen“ Grenzen überschreiten wollten?
Lassen wir den Bildungshintergrund oder die moralische Prägung gewöhnlicher Grenzsoldaten kurz beiseite; viele hatten gerade erst acht Schuljahre abgeschlossen.
Was aber ist mit Sigurimi-Offizieren, Ermittlern, Richtern, Staatsanwälten, Überwachern, Vollstreckern, Polizisten und Inspektoren jener Institutionen, die damals für Ordnung zuständig waren?
Wie vertretbar ist es, heute wieder den alten Satz zu sagen:
„Wir taten, was die Autorität und das Gesetz von uns verlangten“?
War es tatsächlich notwendig, dass diese Menschen sich für solche Handlungen entschieden — und damit tausende zivile Leben auslöschten, durch Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren an den Grenzen wie bei meinem Bruder, in Gefängnissen durch ungerechte Verfahren, im Widerspruch zu internationalen Menschenrechten, durch Folter und anschließende Verfolgung der Betroffenen und ihrer Familien?
Welchen persönlichen Vorteil brachte ihnen die Durchsetzung eines unmenschlichen Gesetzes?
Oder sprechen wir von praktischen Vorteilen?
Brachte diese Praxis, bezahlt mit dem Leben anderer Menschen, ihnen persönliche Vorteile?
Die Tatsachen zeigen, dass Menschen, die dem früheren System dienten, von den Gewohnheiten und Denkmuster des Totalitarismus geprägt wurden.
Gestern war jemand Agent oder Ermittler, heute ist dieselbe Person vielleicht Dozent für Recht oder Richter an einem hohen Gericht.
Das ist mehr als bloße „Ironie des Schicksals“.
Es ist eine Technik dessen, was Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ bezeichnete — eine Struktur, durch die Gewohnheiten aus dem totalitären System in neuen Institutionen fortwirken können.
Ein solches Verhalten stellt die ethische Forderung von Kants kategorischem Imperativ auf den Kopf:
Handle nur nach Grundsätzen, von denen du wollen könntest, dass sie allgemeines Gesetz werden, und behandle die Menschheit — in deiner eigenen Person ebenso wie in jeder anderen — niemals bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck.
Die Frage bleibt also:
Was soll ein Mensch tun, wenn das Gesetz selbst zum Verbrechen wird?
Und was entschieden diese Menschen gegen kommunistische Verbrechen und gegen das totalitäre System selbst zu tun?
Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem und ihre Darstellung der Banalität des Bösen führen mich zu der Tatsache zurück, dass gewöhnliche Menschen in solchen Systemen häufig behaupten, sie hätten keine Möglichkeit zum Widerstand gehabt — obwohl eine Möglichkeit darin bestand, schlicht nicht mitzumachen.
Arendt hilft mir zu fragen:
Warum beteiligten sich gewöhnliche Menschen an den Verbrechen des Kommunismus?
Bürokraten akzeptierten das System, genossen die Privilegien ihrer Ämter, lobten einander und klopften sich auf die Schulter, wenn die Orden des isolationistischen diktatorischen Systems auf Jacken und Uniformen glänzten.
Sie wurden vom Apparat totalitärer Macht geformt und dabei systematisch moralisch deformiert.
Gehorsam, Handlung und Verhalten wurden zur Routine.
Doch jenseits dieser erschütternden Feststellungen gibt es etwas noch Tragischeres.
Tragisch ist, wie unsere Gesellschaft — früher ebenso wie HEUTE — diese Banalität mit fabrizierter Weisheit umgeht und uns das vertraute Heilmittel „ZEIT“ serviert, als könne Zeit allein Wunden heilen, indem sie uns das Vergessen injiziert.
Das ist eine moderne Form des Bösen.
Albaniens Grenze zu Jugoslawien war mit 176 Hauptgrenzpyramiden und 1.254 Zwischenmarkierungen versehen; an der Grenze zu Griechenland standen 177 Hauptmarkierungen.
Mein Bruder Ilir versuchte im Februar 1990 zusammen mit meinem anderen Bruder Agim und einer dritten Person, nach der Freiheit zu greifen.
Ilir verlor, wie viele andere in jenem Jahr, sein Leben in der Nähe einer dieser Grenzmarkierungen.
Wann immer über die Grenztötungen von 1990 gesprochen oder geschrieben wird, wann immer Verfolgung und Schrecken des Kommunismus dokumentiert werden sollen, sehe ich wieder das Foto meines Bruders als Illustration dieser Brutalität.
Ein ausgelöschtes Leben im Schlamm.
Ein Ermittler, ein Staatsanwalt und zwei Soldaten mit den Händen in den Taschen betrachten seine Leiche.
Im Februar 2017, siebenundzwanzig Jahre später, sah ich dieses Foto zwischen zahlreichen Dokumenten zum ersten Mal — zusammen mit sieben weiteren Bildern aus der Akte des kriminaltechnischen Dienstes, Teil des Strafverfahrens gegen den überlebenden Bruder, der in jener Nacht des Fluchtversuchs festgenommen wurde.
Ich lese die Aussagen der Soldaten, die am Schuss beteiligt waren.
In einer Aussage heißt es:
„Ich bin Soldat im ersten Dienstjahr. A. und ich schossen in seine Richtung. Als wir ihn trafen, fiel er zu Boden und sagte: ‚Oh, ihr habt mich getötet.‘ Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass er tot war, ging ich zur Grenzsicherung, damit die beiden anderen nicht hinüberkonnten.“
Zitternd lese ich weiter im Protokoll des Ermittlers der Abteilung für Innere Angelegenheiten des Bezirks Kolonjë, in dem es heißt, es lägen ausreichende Daten für den Straftatbestand „Verrat am Vaterland“ vor.
Ein weiteres Protokoll, angefertigt von einem Ermittler der Dienststelle Ersekë und unterzeichnet von einem Rentner aus dem Dorf Starje, beschreibt ein Klopfen am Fenster, den Verdacht, dass es sich um eine gesuchte Person handeln könnte, die Einladung einzutreten, anschließend die Benachrichtigung des Sohnes und schließlich das Eintreffen der Dorfeinheit, die Agim mitnahm.
Ilirjan und ich, Park am See, Tirana, 1985.
Ich lasse die Namen von Ermittlern, Staatsanwälten und Richtern, die Gerichtsbeschlüsse und den Bericht über die Durchsuchung unseres Hauses durch meine Hände gehen.
Der ganze Film kehrt zurück:
Sie kamen und stellten unser gesamtes Haus auf den Kopf.
Liris Bilder, seine Gedichte, die Bibliothek, die Sofas, der Schrank mit Bettwäsche, sogar intime persönliche Gegenstände.
Ich erinnere mich an die Gummiknüppel auf meinem Rücken während des Verhörs bei der Abteilung für Innere Angelegenheiten in Tirana.
Die Spuren zerbrachen die Seele meines Vaters — als wäre die falsche Nachricht, beide Söhne seien an der Grenze getötet worden, nicht bereits genug gewesen.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und lese zum ersten Mal den rechtsmedizinischen Untersuchungsbericht über Ilirjan Zaris Leiche, zunächst die äußere und dann die innere Untersuchung.
Kann Gott einer Schwester genug Kraft geben, die Autopsie ihres Bruders zu lesen?
Riss des Zwerchfells.
Zerstörung der ersten und zweiten Rippe.
Vollständige Zerstörung des rechten Lungenflügels.
Vollständige Zerstörung des fünften Brustwirbels und Durchtrennung des Rückenmarks.
Todesursache:
akute Blutung und Atemversagen nach Schussverletzung.
Mehrere Seiten detaillierter Obduktion.
Routine — auf dem Papier.
Aber keine Untersuchung, deren Motiv darin bestand, die Person zu finden und zur Verantwortung zu ziehen, die ohne rechtmäßige Grundlage geschossen hatte.
Und was geschah danach mit diesem Körper — mit diesem Körper, auf den Leben, Liebe und die Leinwände einer Zukunft noch gewartet hatten, die nie die Farben seines Lebens tragen durften?
Nein.
Hier endet es nicht.
Kein Körper, kein Grab, kein Protokoll, kein Stein, vor dem unsere Eltern oder wir hätten niederknien können.
Nur Erschöpfung: Hin- und Herschicken, Spott und Verachtung.
„Kommt in fünfzehn Jahren wieder. Er war ein Feind des Vaterlandes. Sucht nicht nach ihm.“
In Ilirs Tasche befanden sich eine Zange, ein Schraubenzieher, einige Bücher und ein Fotoapparat.
Das war der „Feind des Vaterlandes“.
Meine eigene Freiheit und meine Kunst verdanke ich dem Mut dieses Künstlers voller Träume.
Ich kehre in die Gegenwart zurück.
Ich sammle mich und frage:
Was ist der heutige Zeitgeist in unserem Verständnis einer freien Gesellschaft?
Wie gehen unsere Gesetze mit den Folgen um, die entmenschlichte Bürokraten einer ganzen Generation zufügten — einer Generation, die in die Welt hinausging, um frei sein zu können?
In der ersten Hälfte der 1990er Jahre fanden in Albanien mehrere beinahe theatralische Gerichtsverfahren statt, die von gewöhnlichen Menschen bald „Kaffeeprozesse“ genannt wurden.
Mehrere hohe Staatsfunktionäre der Jahre 1945–1991 wurden wegen Amtsmissbrauchs verurteilt, obwohl die Staatsanwaltschaft zugleich versuchte, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und grundlegende Menschenrechte zu thematisieren.
Die Verurteilten, die 1997 noch Strafen verbüßten, kamen durch die Generalamnestie jenes Jahres frei.
Einer der zu lebenslanger Haft Verurteilten, der von der Amnestie profitierte, ging in Berufung, wurde freigesprochen und lebte anschließend rechtlich entlastet in der Gesellschaft.
Wir wissen, dass die albanische Justiz viele Wendungen genommen hat.
Doch was ist mit gesellschaftlicher Gerechtigkeit?
Wo war die Gesellschaft?
Wo waren jene Menschen, denen es gelungen war, menschlich zu bleiben?
Und schlimmer noch:
Wo sind sie heute?
Wie fähig ist die albanische Gesellschaft, heute soziale Gerechtigkeit einzufordern?
Nicht nur von den „großen Köpfen“ des Totalitarismus, sondern von den kleineren Soldaten, Bürokraten, Gliedern der Kette und Zahnrädern der Maschine.
Auch wenn juristische Verantwortung nach so vielen Jahren schwer oder unmöglich festzustellen ist, bleiben gesellschaftliche Verantwortung und historische Aufarbeitung dennoch möglich.
Die Regierung von 1992–1996 entwarf und vollzog, soweit sie konnte, ein besonderes Lustrationsgesetz, das Menschen von Entscheidungspositionen ausschließen sollte, wenn nachgewiesen wurde, dass sie Repressionsorganen Albaniens von 1945 bis 1990 gedient hatten.
Nach 1997 bis in die frühen 2000er Jahre arbeitete eine Kommission mit ähnlicher Zielsetzung, deren Zuständigkeit jedoch vor allem Menschen in hohen Regierungsämtern betraf.
Trotz wiederholter politischer Debatten wurde kein dauerhaftes Lustrationssystem neu etabliert. 2012 erklärte das Verfassungsgericht ein vorgeschlagenes Gesetz für verfassungswidrig, begleitet von öffentlichen Debatten über Interessenkonflikte und institutionelle Legitimität.
Zum Zeitpunkt dieses Essays verfügte Albanien über eine besondere Behörde zur Information über die Dokumente des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes.
Information — sehr gut.
Aber was geschieht juristisch, wenn ein früherer Mitarbeiter identifiziert wird?
Was geschieht, wenn ein Ermittler von vor Jahrzehnten heute ein öffentliches Amt bekleidet?
Die Antwort darf dem privaten Gewissen nicht allein überlassen bleiben.
Indem eine nicht kleine gesellschaftliche Gruppe akzeptierte, mit dem Bösen oder teilweise vom Bösen zu leben, wurde sie durch das totalitäre Regime entmenschlicht.
Heute können diese Menschen, unabhängig vom Grad ihrer damaligen Beteiligung, in die albanische oder globale Gesellschaft integriert sein.
Kann eine Gesellschaft normal und gesund leben, wenn sie nie ernsthaft über direkte Verbrechen, Beteiligung oder das Verschweigen von Verbrechen reflektiert?
Die Diktatur kam nicht von allein und blieb nicht allein an der Macht.
Sie wurde nicht nur von denen getragen, die regierten, sondern auch von denen, die ihm dienten.
Die Banalität des Bösen ist in diesem Sinn noch immer unter uns.
© 2022 Eda Zari.
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